Impotenz
Nichts geht, nichts steht... Und dabei hatte er sich doch so auf diesen Abend und diese Nacht gefreut, hatte sich besonders ausgiebig geduscht und gebürstet, hatte sich das fescheste Hemd und die schickste Hose angezogen. Hatte ihr einen guten Tropfen und einen bunten Blumenstrauss mitgebracht, hatte angeregt mit ihr geplaudert, hatte das erlebt, was man "funken" nennt. Sie waren sich in die Arme gefallen, hatten sich geküsst, waren ins Bett gegangen. Und dann diese Pleite, dieser Patzer: Impotent! Man soll den Abend nicht vor der Nacht loben ... Jeder dritte Mann - mindestens - hat einmal ähnliches erlebt, musste mit ansehen, wie sein Geist willig, das Fleisch des Penis aber schwach war. Bei den allermeisten ging es irgendwann doch wieder, bei ihnen war der Aussetzer von der Situation und der damaligen Befindlichkeit abhängig. Ein typisches Beispiel ist die eingangs erzählte Geschichte. Leistungsdruck, Lampenfieber, Versagensangst sind häufige Ursachen für eine zeitweilige Impotenz. Im Kopf wird zuviel gedacht und gearbeitet, als dass sich der Körper richtig entspannen könnte.
Aber auch der umgekehrte Fall ist häufig, nämlich Eintönigkeit und Übersättigung. In langandauernden Partnerschaften verfliegt der prickelnde Reiz, Sex wird zu einer Gewohnheit, gar zu einer lästigen Pflicht. Mit dem Alter schwinden auch einige körperliche Reize, und mit der Gewöhnung stellt sich Langeweile ein. Da kann sich der Penis durchaus einmal der Proforma-Liebe widersetzen, indem er einfach unten bleibt und sich zu nichts gebrauchen lässt.
Völlig unangebracht ist in diesem Fall die Vermutung einer womöglich eifersüchtigen Gattin, eine andere sei für seinen schlaffen Lümmel verantwortlich, hätte ihn bei einem Seitensprung quasi leergesaugt. Das Gegenteil dürfte richtiger sein, eine Abwechslung wird einem untreuen Ehemann ein Gutteil seiner sexuellen Lust zurückgeben.
Andere Impotenz-Gründe liegen in Partnerschaftsproblemen, die gar nicht einmal sexueller Art zu sein brauchen. Oft verkraften Männer einen beruflichen Erfolg der Partnerin nicht, fühlen sich ihr gegenüber plötzlich minderwertig und versagen im Bett. Häufig kommen sie nicht klar mit den "neuen" selbstbewussten Frauen, die ihre Forderungen anmelden und nicht mehr auf die Initiative des Mannes warten. Manchmal verhindern einfach unterschiedliche Tagesabläufe und Lebensgewohnheiten, dass beide gleichermassen bereit und fit für den Sex sind. Schichtarbeiter und sogenannte Nachtmenschen haben ihre liebe Not mit den Wach- und Lust-Zeiten von Frühaufstehern und Leuten mit einem geregelten Arbeitsalltag - und umgekehrt. Auch die Verkehrs-Situation kann für eine zeitweilige Impotenz verantwortlich sein. Wenn die Räumlichkeiten ein wohliges Sichgehenlassen nicht erlauben, wenn einem jungen Paar beispielsweise eine sturmfreie Bude fehlt oder ein älteres eine zu enge Wohnung hat, wenn dem einen die Angst vor der Entdeckung durch die Eltern und dem anderen die vor der Beobachtung durch die Kinder im Nacken sitzt, dann versagt der Schwanz oft seine Mitwirkung.
Des weiteren ist die Sorge um eine Schwangerschaft oder vor einer Tripper oder AIDS-Ansteckung ein verbreiteter Impotenz-Grund. Wenn er Zweifel an der Regelmässigkeit ihrer Pilleneinnahme, der Zuverlässigkeit ihrer Regelberechnung oder der Haltbarkeit des Präsers hat, formuliert sein Glied die im Kopf getroffene Entscheidung: Dann lieber nicht... Die wohl in den meisten Fällen zutreffende Impotenz-Erklärung ist Stress. Die Anforderungen des Arbeitslebens können dem Mann über den Kopf wachsen, ungelöste Probleme ihn bis ins Privatleben verfolgen, anstehende Termine zu fliegender Hektik führen.
Kommen als Zutaten noch quengelnde Kinder und eine ärgerliche Gattin, verstopfte Strassen und die Niederlage des Lieblingsvereins hinzu, dann ist der Ofen aus, das genitale Feuer erloschen. "Kein Schwanz kann so hart sein wie das Leben", lautet ein Graffito. Eine Ergänzung: Je härter das Leben, desto schlapper der Schwanz. Viele dieser psychologisch erklärbaren Impotenzen verschwinden von ganz alleine - bei einem anderen Partner, in einer anderen Umgebung, zu einer anderen Zeit. Andere lassen sich leicht selbst lösen, wenn der Auslöser erkannt ist und daran etwas verändert wird.
Bislang gingen die Sexperten davon aus, dass 90% aller Impotenz-Fälle psychische und nur 10% organische Ursachen haben. Mediziner korrigieren nach ihren jüngsten Erfahrungen diese Werte, berichten von einer starken Zunahme von Impotenz-Patienten mit eindeutig körperlichen Gründen. Diabetes und andere Stoffwechselkrankheiten, Leber- und Nierenleiden, Bluthochdruck und Durchblutungsstörungen (beziehungsweise die dagegen eingesetzten Medikamente) beeinträchtigen die Potenz ebenso wie Nikotin-, Drogen- und Alkohol-Abhängigkeit.
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