Dessous - Reizwäsche
Lockruf aus dem Reich der Sinne
Ein Geschenk kommt erst in einer hübschen Verpackung zur Geltung. Nett eingewickelt und liebevoll verschnürt weckt ein solches Päckchen die Vorfreude und steigert die Spannung. Die Freude ist von Anfang an gross.
Genauso ist es bei geliebten Menschen. Deren Hülle, deren Kleidung macht Lust aufs Auspacken und Vernaschen des Inhalts, und sie ist ein Zeichen dafür, dass sich das menschliche Präsent Mühe für den Beschenkten gibt. Das gilt insbesondere für die erotische Verpackung, für die Reizwäsche. Für die Hemdchen und Höschen, die Hüft- und Büstenhalter, die Strapse und Strümpfe. Jene textilen Raffinessen, die den darinsteckenden und oft schon wohlbekannten Körper immer wieder aufs neue interessant und erregend machen. 40% der Frauen hüllt sich manchmal, 15% fast immer in solche Dessous, wenn ein Date mit dem Lover ansteht. Und immerhin hat ein Drittel aller Männer heisse Höschen in der Schublade liegen, Slips, Strings und Caches zur rechten Präsentation des guten und einsatzfrohen Stücks. Zehn Prozent streift dieses verführerische Nichts regelmässig über. Man(n) geht nicht mehr ohne, und frau hat nun endlich auch etwas zum Gucken und Auspacken. Eine schöne Bescherung!
Pure Nacktheit mag zwar praktisch beim Liebesspiel sein, dazu aber verführt sie selten. Wer einmal am FKK-Strand lag und die Busenpaare und Penisse gleich im Dutzend erblickte, weiss, wie öde und langweilig diese nackten Tatsachen sind. Da ist nichts, was die Phantasie beschäftigen und anstacheln kann, da gibt es nichts mehr zu enträtseln und zu erträumen. Statt dessen wird dem Po- und Busenfreund gnadenlos klargemacht, wie unvollkommen und wie vergänglich die körperliche Pracht doch ist. Auch die Damenwelt gerät angesichts von Schrumpelschwänzen kaum in Verzückung. Stecken Mädels ihre Rundungen hingegen in fesche Bikinis und streifen die Jungs knackige Hosen über, sieht das Strand- und Badeleben gleich viel auf- und anregender aus. Die reizvolle Unterwäsche ist eine Erfindung aus der jüngeren Vergangenheit, war vor zweihundert Jahren noch unbekannt. Die Mode der Jahrhunderte zuvor kannte die heute übliche Teilung in Unterwäsche und Oberbekleidung nicht, meist war unter dem Kleid, dem Umhang oder dem Rock bloss noch die nackte Haut. Die einzig bekannte Ausnahme machten die antiken Römerinnen, die mit Bändern und Schleifen Busen, Beine und Hüften verzierten. Ansonsten aber sah es in puncto Reizwäsche mau aus.
Wer das andere Geschlecht locken wollte, tat es mit der Oberbekleidung, beziehungsweise mit deren Weglassung. Tiefe Dekolletes und hohe Absätze trug beispielsweise um 1800 die galante Frau von Welt. "Man kann beinahe mit keinem Frauenzimmer reden, ohne die Augen niederzuschlagen oder mit den wollüstigsten Gedanken erfüllt zu werden", notierte ein deutscher Biedermann während einer Paris-Reise in sein Tagebuch. "Kopfputz, Perücken, feine Schminke, hoher und teils offener Busen, wallende rauschende Kleidung, halb aufgestutzte Röcke, tantmässig zierlich gestellte Füsse, mit gestickten Bändern angeheftete spitze Modeschuhe - alles soll uns einladen, dieser Göttin der Faulheit, der Intrige und der Schande als Gottheit der Welt zu huldigen."
Ein anderer Tourist jubelte nach einem Seine-Spaziergang: "Welch ein Genuss, eine solche Grazie vor sich herwandeln zu sehen, die selbst auf das Hemd verzichtet. Man kann den Anblick ihrer Reize ungestört geniessen, denn die Schönen sind stolz ob der lüsternen Blicke, die von allen Seiten
mit Wohlgefallen die geilen Unterhaltungen der Männer über ihre Schönheit."
Dass die Koketterie manchmal zu weit ging, zeigt ein Bericht Giacomo Casanovas vom Ende des 18. Jahrhunderts: "An einem Ruhetag spazierten zwei Frauen auf den Champs-Elysees, vollständig nackt, nur mit einer dünnen Gaze bekleidet! Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück." Derartige Frivolitäten leisteten sich nicht nur die Pariserinnen, auch aus England, Österreich und Deutschland sind ähnliche Berichte bekannt. Immer raffiniertere Reizkleider liessen sich die Schneider für ihre Kundinnen einfallen, mit entwaffnender Offenheit führten die sie aus.
Zum Beispiel die Adrienne, ein Überhang vom Schnitt eines Negligees. Darunter trug die Dame - wie üblich - nichts, was jedermann bestätigen konnte, der einmal eine Adrienne-Frau bei stürmischem Wetter oder in gebückter Haltung erlebt hatte. Besonders beliebt war die Adrienne als Kostüm für den Kirchgang, denn beim Niederknien zum Gebet ergaben sich Einblicke, die die Gläubigen erblassen und die Priester erröten liessen. Süsser die Glöcklein nie klangen ... Die Wiener Kirchenführung verbot das Tragen der Adrienne, und ein deutscher Pastor wetterte von der Kanzel: "Saget mir, ihr nackten, unverschämten Weibsbilder, wem zum Gefallen kleidet ihr euch so nacket? Euren Männern, das ist Torheit und Narretei, die wissen doch wohl, was euer Vorrate ist und können ihre Augenweide und Herzenslust daran haben, wann sie wollen. So tut ihr's, um Fremden zu gefallen? Ei, so hole euch der Teufel, wo nicht Busse und Änderung solchen bösen Sinnes bei euch erfolgt!" Genau das Gegenteil der luftig-lockeren Adrienne waren Mieder und Korsett. Künstliche Busen machten die Schwindel perfekt. Sie waren aus Leder gearbeitet und besassen eingebaute Federn, die sie naturgetreu auf und ab wippen liessen. Eine fleischfarbene und durch zarte Äderchen vervollständigte Lackierung liessen sie ziemlich echt aussehen. Noch skurrilere Täuschungsmanöver liessen sich die Modeschöpfer damals, Ausgang des 19. Jahrhunderts, einfallen: Etwa den Rock "Cul de Paris", der dick wattiert ein prachtvolles Gesäss verhiess, oder den "Ventre de troi mois", ein unterhalb der Taille getragenes Bauchpolster, das eine Schwangerschaft im dritten Monat vortäuschen sollte. Besonders gern begaben sich pubertierende Mädchen in solche "Umstände", wobei die Frische ihres Gesichts offenbar höchst reizvoll mit den Spuren der Verderbtheit kontrastierte. Sittengeschichtler Eduard Fuchs schrieb: "Der Anblick einer solchen Frau kann in der Phantasie des Mannes keine anderen als erotische Gedanken auslösen, denn er sieht nicht die werdende Mutter in der Frau vor sich, sondern das blosse Instrument, das offen eingesteht, um jeden Preis für Wollust dazusein. Die einzige Logik dieser Mode war, die Phantasie des Mannes künstlich aufzupeitschen, so dass ihm der Anblick der Frau immer und überall keine anderen als sinnliche Gefühle einflösst." Aber wehe, wenn das Ziel einer solchen Bluff- und Verpackungskunst erreicht war, wenn ein lüsterner Herr mit dem Aufknöpfen begann und wenn Farben und Formen schwanden! Da war manch feuriger Liebhaber sicherlich ganz schön ernüchtert.
Glücklicherweise ist die heutige Mode ehrlicher geworden, verspricht nicht mehr, als der Körper halten kann. Oben zeigt sie sich meist nett und adrett, drunter kess und kokett. Sie bringt den entblätternden Partner auf hundertachtzig, wirkt wie ein zugeschalteter Nachbrenner. Dessous sind wie ein Lockruf und ein Wegweiser, zeigen, unmissverständlich, wo's langgeht.
Die Kühlen werden sich an rotem Lack erhitzen, die Kühnen im transparenten Hemd und schrittoffener Hose auftreten. Die Wilden werden im Leopardenlook auf Beutezug gehen, die Milden unter samtenen Bodies und Baby-Dolls ihre Fallen aufstellen. Die Prallen und Drallen werden mit ihren Pfunden unter engen Korsetts wuchern oder ihre Pracht auf freizügigen Büstenheben präsentieren, die Platten ihre Männer per Hüfthalter, Straps und Slip ködern, und die Nimmersatten werden sie mit ebenjenem fesseln. Es ist überwältigend, was Dessousboutiquen und Erotikläden, die Fachabteilungen von Warenhäusern und Versandhändler alles an Reizwäsche anbieten: Für Sie und Ihn. Aus Baumwolle und Synthetiks, Samt und Seide, Spitze, Tüll und Taft, Satin und Charmeuse, aus Latex und Leder. Mit Rüschen, Bändern, Schnüren und Schleifchen, mit Strass, Perlen und Nieten. In Schwarz und Weiss, Pink und Türkis, Baby- und Königsblau, in Purpur-und Feuerrot. Als BH, Hebe, Top oder Bustier, Slip, String, Cache und Tanga, Body, Teddy, Baby Doll, Playsuit und Negligee, Mieder, Corselett oder Corsage, als Straps und Strumpf. 1001 Einkaufs- und Geschenkideen für mindestens ebenso viele heisse Liebesnächte! |