Aphrodisiaka
Unter pubertierenden Knaben wird seit Generationen über Tropfen debattiert, die unbemerkt in die Cola einer Mitschülerin geträufelt werden und diese willig und lüstern machen sollen. Meist bleibt es bei den Gesprächen, denn irgendwann klappt es auch so mit dem erträumten "ersten Mal", etwa auf einer Party, im Schullandheim oder im Schwimmbad. Diejenigen, die ihr Taschengeld in "Lust-", "Liebes-" oder "Scharfmacher-Tropfen" investieren, werden entweder ein "Igitt!", eine Ohrfeige oder ein schlichtes Nichts als Reaktion erfahren. Ein paar Tröpfchen einer dubiosen Substanz reichen nicht, um ein Mädchen, eine Frau kennenzulernen und rumzukriegen.
Erfolgreicher agiert auch nicht die Frau, die ihrem schlappen Gatten ein paar "Sexfit-" oder "Ständer-Tropfen" ins Bier kippt oder einen sogenannten Liebescocktail hinstellt. Er wird sich höchstens über die Trübung des Gerstensafts ärgern und einen Korn zum Nachspülen fordern, aber kaum nach dem ersten Schluck scharf wie Nachbars Lumpi mit Frauchen auf die Matratze springen.
Nein, zum Näherkommen, Anregen und Verführen bedarf es mehr als der dutzendfach als Wundermittel angepriesenen Tropfen, Pulver und Pillen. Solche Mittel können allenfalls als Ergänzung eines Vor-Vorspiels hilfreich sein, den letzten Kick geben und schlummernde Kräfte mobilisieren. Seit Menschengedenken träumt man(n) von der Droge, die die Frauen schwach und die Männer stark macht, fahndet nach dem perfekten Aphrodisiakum. So nennt man -nach dem griechischen "Aphrodisia" = Liebe -die Anregungs- und Stärkungsmittel, nach deren Einnahme man nur eins im Kopf haben soll: Sex, Sex, Sex ... Legende sind die Ingredienzen und Mixturen, die im Laufe der Jahrhunderte von allen Völkern dieser Welt ausprobiert worden waren. Da finden sich neben Delikatessen ä la Austern, Trüffeln, Früchten und Gewürzen auch Unappetitlichkeiten wie Menstrualblut, Nashorn-Urin und ausgepresste Nachgeburt. Ein Beispiel aus dem Mittelalter: "Einzelne Frauen werfen sich auf das Antlitz, und mit entblössten Hinterbacken pflegen sie in der Kerbe Brot zu zerreiben, was sie dann dem Gatten zu essen geben. Das tun sie, um die Liebe jener mehr zu entfachen." Guten Appetit! In indischen Zoos pilgern noch heute Hindus und Moslems mit leeren Flaschen zu den Rhinozeros-Gehegen, um sie dort mit dem Harn der Tiere zu füllen. Die Wärter, die die riesigen Tiere mit kalten Duschen gelegentlich zum Pinkeln animieren, erhalten dafür zwischen zwei und fünf Euro je Liter. Die Urin-Fans umwickeln ihre Schwänze mit in die Flüssigkeit getunkten Blättern oder bereiten daraus einen mit Honig und Wasser angereicherten Cocktail. Prost!
Überhaupt gilt das Nashorn als Spender der libido- und potenzfördendsten Stoffe. Neben seinem Urin nimmt man sein Blut und Hörn, seine Haut, Hufe und Nabelschnur und seinen Magen in verschiedenster Zubereitung ein, was diese Tiere inzwischen fast zum Aussterben brachte. Besonders vom Hörn verspricht man sich so Grosses, dass auf den Schwarzmärkten des Nahen und Mittleren Ostens bis zu 40 000 DM pro Kilo gezahlt werden -mehr als für pures Gold. Ziemlich wertlos ist das Hörn indes für die Potenz, wie eine Analyse des Hauptbausteins Keratin durch das Schweizer Chemieunternehmen Hoffmann-Laroche ergab: "Genauso gut kann man seine Fingernägel abkauen", sagten die Forscher. "Das hat nicht mehr und nicht weniger Effekt als das zerriebene Hörn." Als tatsächlich wirkendes Aphrodisiakum gilt die Spanische Fliege, eine Käferart. Durch das Abkochen und Pulverisieren erhält man Kantharidin, das über die Harnwege wirkt und ein tüchtiges Feuer im Glied entfacht. Unvorstellbares Durchstehvermögen unter Kantharidin-Einfluss vermeldet die galante Geschichte zuhauf - aber auch etliche Todesfälle. Denn das Pulver ist hochgiftig, führt bei 0,6 Gramm bereits zu ernsthaften Vergiftungserscheinungen und ab 30 Gramm zum sicheren Tod.
Berühmte und auch heute noch angewandte "Aphros" sind Ginseng, Muira-Puama und Yohimbin. Letzteres wird aus der Rinde des Tropenbaums Yohimbin gewonnen und wirkt erweiternd auf die Schlagadern der Haut, der Nieren, der Genitalien und des Darmkanals. Die vermehrte Blutfülle (Hyperämie) sorgt für einen prachtvoll erigierten Penis und eine gesteigerte Reizempfindlichkeit. Aber Achtung: Präparate mit hohem Yohimbin-Anteil sollten von Männern mit Herzerkrankungen und niedrigem Blutdruck nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.
Den gesamten Organismus kräftigt das aus der Rinde des südamerikanischen Muira-Puama-Baums gewonnene Muriacithin sowie die in der asiatischen Ginseng-Wurzel enthaltenen Glykosiden und Hormonrepliken. Echter Ginseng ist teuer, bis zu 60 Euro müssen Arzneimittelhersteller für ein einziges Gramm der Wurzel bezahlen. Präparate mit Ginseng, Muira-Puama, Eleu-Therokokk, Daminae und ähnlichen aus Wurzeln, Stämmen und Blättern gewonnenen Wirkstoffen sind allgemein stärkend. Sie heben die physische und psychische Leistungsfähigkeit sowie die Stimmung, sie beugen Ermüdung vor, mildern Stress und machen last but not least
leichtes Essen in der richtigen Atmosphäre bewirkt unter Umständen mehr als jede Arznei. Generell weckt eine eiweisshaltige und vitaminreiche Kost die Lebens- und Liebesgeister, wobei einigen Zutaten besonders grosse Kräfte zugeschrieben werden. Zum Beispiel der Karotte, deren Form passend zum hohen drüsenaktivierenden Vitamin-A-Gehalt zu sein scheint.
Bei den alten Griechen galt sie als derartiger Scharfmacher, dass Mönchen ihr Verzehr verboten war. Im Garten des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. wurden speziell für Hoheits Plaisir-Vorbereitung Karotten gezogen, aus denen seine Lustbarkeits-Arrangeurin Madame de Maintenon zusammen mit Erbsen und frischer Petersilie höchst aufbauende Menüs komponierte. Lüstling Ludwig XV. bekam von seiner Mätresse, der Madame de Pompadour, vor amourösen Einsätzen delikate Pilzgerichte, angereichert mit Trüffeln, etwas Butter, Sahne, einer Prise Salz, Cayennepfeffer und einem Schuss Portwein. Nachfolgerin Madame Dubarry hingegen servierte als Aphrodisiakum besonders gern Artischockenböden mit Gänseleber und Sauce Bearnaise. Knackiges Gemüse ist nie verkehrt, wenn es ums Kräftesammeln für eine Sex-Session geht. Vitamine und Eiweiss braucht der liebeslustige Mensch, enthalten beispielsweise in Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Spinat, Grünkohl, Erbsen, Bohnen, Kohlrabi, Sellerie und Petersilie, in Artischocken, Spargel, Avokados, Pilzen und Trüffeln. Oder in Austern, Krebsen, Fisch und Kaviar, Eiern und Tatar.
Das I-Tüpfelchen sind die Gewürze, wie etwa Fenchel, Majoran, Rosmarin und Basilikum, aber auch Muskat, Ingwer, Zimt, Anis und Vanille. Der Ernährungswissenschaftler Prof. Hans Glatzel: "Schon in der alten europäischen Medizin standen Sellerie und Basilikum als Aphrodisiakum in gutem Ruf. In Indien und China gelten noch heute Ingwer und Chilis, in Ungarn der Paprika als kräftigende Genussmittel."
Alkohol ist ein guter Anreger, Aufreger und Enthemmer, wenn man ihn in Masse geniesst. Mit zuviel Promille macht man erstens beim Flirtversuch keine so gute Figur und bringt zweitens oft keinen mehr hoch. Kommt dennoch ein Sex zustande, ist er für den Mann weniger lustvoll, als ein nüchtern erlebter.
Auch Kaffee gehört zu den Aphrodisiakum. Wir merken es jedoch kaum noch.
Das verengt die, steigert den Blutdruck und kurbelt " Kreislauf an - gut für den Sex. Kaffeetrinken galt einst als exotisch erotischer Genuss, Kaffeehäuser sollen die Vorzimmer von Bordellen. Im 18. Jahrhundert nannte man die Dirnen deshalb "Kaffeejungfern" und Berliner Nachtklubs "Mokkadielen". Wer den Kaffee "erfand", berichtete der britische Gesandte in Persien, Thomas Herbert: "Die Überlieferung lehrt, dass Kaffee vom Erzengel Gabriel für den Propheten Mohammed geschaffen und erfunden worden sei, um dessen schwindende Manneskraft wiederherzustellen. Mohammed selbst hat gerühmt, dass er jedes Mal nach dem Genuss des Zaubertranks die Kraft gespürt hat, um vierzig Männer aus dem Sattel zu hiefen und vierzig Frauen zu beschlafen."
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